Dienstag, 2. Juni 2015

Immer erste Liga?

Einhundertundsechsundsiebzig Minuten dauerte die virtuelle Zweitligazugehörigkeit des HSV während der Relegation an, denn so lange hat es gebraucht die frühe Führung von Rouwen Hennings aus dem Hinspiel auszugleichen. Dreißig Minuten später war der Klassenerhalt dann endgültig geschafft. Ich bin nicht in der Lage eine Zusammenfassung der Gemütslagen aufzuschreiben, in denen ich mich in dieser Zeit befunden habe, doch heute ist nach der Freude von gestern nur noch Erleichterung angesagt.

Ja, die Uhr wird weiter ticken und am Spielfeldrand wird auch in der kommenden Saison ein drolliger Dino durch die Arena hüpfen, die dann (erstmalig und nicht wieder) Volksparkstadion heißen wird. Die Fans schwimmen auf dieser Welle mit, weil es doch geil ist etwas zu haben, das kein anderer hat und was die Fans anderer Vereine so offensichtlich ärgert. Der Verein fördert dies, indem er sich auf Twitter gerne mal als der Dino bezeichnet, gestern nach Abpfiff verschönerte auch Lotto King Karl seine Jacke mit einem Unabsteigbar-Aufkleber.
Mich hat es geschüttelt als ich das sah und zwar nicht vor Rührung.

Schon gegen Ende der letzten Saison schrieb ich, dass die Unabsteigbaren einst der VfL Bochum war, der seiner Zeit mit sehr beschränkten Mitteln länger als ein Jahrzehnt in der ersten Liga mitmischte ohne über Platz 10 hinauszukommen und so zur klassischen grauen Maus der Liga wurde. Doch die Bochumer mussten irgendwann feststellen, dass sie doch nicht so unabsteigbar waren und den Weg in die zweite Liga antreten mussten.

Vermarktungstechnisch ist das Alleinstellungsmerkmal an jedem Erstligaspieltag dabei gewesen zu sein natürlich Gold wert und man darf da auch gerne ein bisschen stolz drauf sein, doch wenn das Drinbleiben, die Unabsteigbarkeit zur alleinigen Vereinsphilosophie hochstilisiert wird, ist das der falsche Weg. Ein Blick zurück muss sein und auch Traditionen wollen gewahrt werden, doch eine rückwärtsgewandte  Philosophie kann nur zum Niedergang führen.

Vielleicht lautete auch deshalb das Motto von HSVPlus „Aufstellen für Europa“. Man wollte den dümpelnden Dino zu einer Renaissance verhelfen und ihn aus dem Abwärtsstrudel befreien. Dafür wollte man ihn auf solide Beine stellen, ja auch mit Hilfe von Investoren, oder besser gesagt strategischen Partnern.
Leider blieb es bislang beim Wollen. Bislang wurde das frische Geld für Transfers verwendet und nicht zur Entschuldung, es wurde ein neuerliches 10-Millionen-Minus erwirtschaftet, anstatt einen Konsolidierungskurs einzuschlagen, gegen Ende der Saison stand für den HSV die älteste Mannschaft der Liga auf dem Platz und nicht wie teilweise unter Zinnbauer die Jüngste.

Mit anderen Worten darf die geglückte Relegation nicht schon wieder über das verheerende Bild, das der HSV in dieser Saison nicht nur auf dem Platz abgeliefert hat hinwegtäuschen. Die diversen Fehleinschätzungen müssen nicht nur erkannt werden, man muss sich auch zu ihnen bekennen. Und wenn der Vorstand dazu nicht in der Lage ist, muss er gehen.
Die Saison 2014/15 war als Übergangssaison geplant und endete beinahe in einem Debakel, welches selbstverschuldet und damit auch verdient gewesen wäre. Daraus gilt es jetzt die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich bin gerne bereit auch zum dritten Mal durch die Relegation mit dem HSV zu gehen, wenn ich nur endlich das Gefühl bekommen, dass beim HSV etwas aufgebaut und im Anschluss auch bewahrt wird und damit ist nicht allein der Campus gemeint.

Vielleicht wäre es gut die Uhr abzubauen, um den Blick endlich wieder nach vorne zu wenden, auf jeden Fall ist es schlecht die eigene Perspektivlosigkeit mit Attributen wie unabsteigbar nach außen hin zu dokumentieren.
Sechsmal Deutscher Meister zwischen 1922 und 1983, dreimal Pokalsieger zwischen 1963 und 1987, immer erste Liga zwischen 1963 und ????

Nur der HSV


1 Kommentar:

  1. Sehr, sehr gut geschrieben! Ich glaube, den Passus "Die diversen Fehleinschätzungen müssen nicht nur erkannt werden, man muss sich auch zu ihnen bekennen. Und wenn der Vorstand dazu nicht in der Lage ist, muss er gehen" rahme ich mir ein.

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