Montag, 24. Oktober 2016

Gastbeitrag: Der haltlose Sportverein

Nils Husmann (Twitter @husmannismus), Schleswig-Holsteiner HSV-Fan im hessischen Exil brauchte einen Ort um sich seinen Frust von der Leber schreiben zu können. 
Hier ist sein haltloser Sportverein.

Der HSV steckt fest in der Erlöserfalle – und hat dadurch jede Stabilität verloren
HSV-Stürmer Bobby Wood stand nach dem 0:3 gegen Eintracht Frankfurt sichtlich verunsichert auf dem Rasen, als sein Landsmann Timothy Chandler auf ihn zuging und ihm Mut zusprach. Derweil legte Eintracht-Trainer Niko Kovac am Spielfeldrand den Arm um einen HSV-Verantwortlichen und redete auf ihn ein.
Beide Szenen hatten Symbolcharakter. Der HSV hat den Halt verloren und ist bedürftig nach Zuspruch: zwei Punkte nach acht Spieltagen, kaum Torabschlüsse. Der haltlose Sportverein.
Aber woran liegt es, dass dieser Klub immer wieder ins Bodenlose stürzt und die vielen HSVerinnen und HSVer zur Zielscheibe von Hohn und Spott werden lässt?
Der HSV ist in eine Erlöserfalle gelaufen. Nicht erst gestern, nein, er steckt seit Jahren darin fest. Und diese Erlöserfalle macht es unmöglich, konzeptionell, geduldig und selbstbewusst zu arbeiten, weil Erlösung Erwartungen schürt, die dann immer wieder enttäuscht werden und immer neue Unruhe verursachen. Die Bürde, ein Traditionsverein und der „Dino“ zu sein, der noch nie abgestiegen ist, hat den Weg in die Falle bereitet, in die viele Verantwortliche und auch das so genannte Umfeld – viele Fans, einige Medienvertreter – immer wieder gerannt sind.
Warum ist das so? Tradition kann träge und selbstzufrieden machen; Tradition suggeriert, aus sich heraus groß zu sein und in Krisen nur irgendwie wachgeküsst werden zu müssen, damit der verlorene Glanz zurückkehrt. Aber das ist falsch. Ohne harte, konzeptionelle Arbeit glänzt im Profifußball heute niemand mehr.

Wann schnappte die Erlöserfalle zu? Als der frühere Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann 2010, vor über sechs Jahren, das Investorenmodell „Anstoß hoch drei“ vorstellte, tauchte erstmals der Milliardär Klaus-Michael Kühne auf der HSV-Bühne auf. Hoffmann pries das Modell – Kühne gab Geld, der HSV trat einige Transferrechte ab – als „Sechser im Lotto“. Ein klassisches Erlösungsmotiv: Da ist ein Gönner, der Geld gibt, und dann kommt der Erfolg zurück! Interessanterweise argumentierte Kühne seinerzeit selbst, der HSV brauche Konstanz (http://www.zeit.de/sport/2010-08/hsv-kuehne-investorenmodell-siegenthaler). Aber das Gegenteil trat ein. Der Verein kam ins Schlingern, verlor den Halt und hat seitdem nie mehr zurückgefunden zu einer Identität, die für jeden erkennbar wäre.
Einzige Konstante ist seither eben jene Erlösersucht, die den HSV immer instabiler werden ließ. Einige Beispiele:
·       Vereinsinterne Wahlkämpfe um den Aufsichtsrat mit dem Tenor: Liebe Mitglieder, wählt uns, wir bringen Stabilität und Erfolg zurück, wir kennen das Rezept! Das hörten viele Mitglieder – verständlicherweise – gern, übersahen dabei aber die mangelnde Qualifikation vieler Räte. Die Sehnsucht, dass per Wahl nun endlich wieder alles besser werden möge, brachte zudem manchen HSVer ins Amt, dem es eher um Eitelkeiten oder persönliche Abrechnungen ging – und weniger um kompetenten Ratschluss bei der Entwicklung einer Strategie.
·       Frank Arnesen: Der Mann mit dem dicksten Adressbuch in Europa muss doch den Erfolg zurückbringen! Er erbte allerdings auch einen finanziell extrem eingeschränkten Spielraum.
·       Rafael van der Vaart: Mit ihm muss doch der alte Glanz zurückkehren! In Wahrheit band der Transfer Mittel, die andere Klubs längst in intelligente Nachwuchskonzepte oder verbessertes Scouting investierten, und ermöglichte Kühne – übrigens noch zu e.V.-Zeiten! – einen ungeheuren Einfluss. Kühne wurde, ob er das wollte oder nicht, zum steten Quell der Unruhe. Und er polarisierte.
·       HSVPlus, die Ausgliederung und die Rückkehr von Dietmar Beiersdorfer: Schaffen wir zeitgenmäße Strukturen, dann wird der HSV endlich wieder zukunftsfähig! Und Didi kann es doch, das hat er bewiesen! Auch ich habe mich vehement für das Konzept eingesetzt. Aber spätestens dieser Tage wird klar: Erfolg stellt sich nicht ein, indem man auf den Knopf eines Abstimmungsgerätes drückt. Die Möglichkeiten, die durch die Ausgliederung eröffnet wurden, hat der HSV nie auch nur annähernd ausgeschöpft. Auch weil man…
·       der Erlösungsstrahlkraft des schnellen Mammons nicht widerstehen konnte. Vor der laufenden der Saison 2016/17 investierte der HSV, wieder mit Kühnes Hilfe, über 30 Millionen Euro. Kostic, Halilovic! – Das wird spielerisch nun endlich besser, das gibt ein tolles Umschaltspiel! – So habe auch ich es mir im Sommer ausgemalt. Und übersehen, dass man gar nicht den passenden Trainer hatte für diese sich vage andeutende Spielidee; dass andere Akteure des Kaders zu diesem Ansatz nicht passten, wichtige Mannschaftspositionen ungenügend blieben und dass das Offensivspiel schon seit November 2015 erheblich gelitten hatte, ohne dass ein Verantwortlicher das entschieden angesprochen hätte. Wird schon alles irgendwie werden, Geld schießt doch Tore!
·       Erlöserfigur Trainer: Auch das habe ich unter HSVern seit Jahren immer wieder wahrgenommen, diese Sehnsucht nach einem neuen Mann an der Außenlinie, der  zeitgemäße taktische Vorstellungen hat. Ich habe diese Sehnsucht auch oft geteilt. Es ist doch woanders auch so, dass ein neuer Coach kommt – und sofort starten die durch! Leider wollte oder konnte ich nicht sehen, dass Martin Schmidt in Mainz zu einer Kultur passte, die der Verein über Jahre entwickelt hatte. Oder dass Julian Nagelsmann in Hoffenheim an Rangnick und den „frühen Hoffenheimer Gisdol“ anknüpfen konnte, deren Ideen im Nachwuchs noch überdauert hatten. Nagelsmann sagte der FAZ neulich übrigens, Taktik mache 35, vielleicht 40 Prozent des Erfolges aus; der Rest sei Teamführung (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/tsg-1899-hoffenheim-trainer-julian-nagelsmann-im-interview-14472697-p3.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3). Jeder mag sich selbst fragen, wie es um die Teamfähigkeit im HSV bestellt ist, wenn der Aufsichtsratsvorsitzende eine sichtbar haltlose Truppe in die alleinige Verantwortung nimmt. Kurzum: Wo Trainer Erfolge feiern, konnten sie entweder – ausgestattet mit Geduld und Vertrauen – selbst stilbildend wirken (Klopp in Dortmund, Weinzierl in Augsburg) oder an eine Idee anknüpfen, die schon vor ihnen existierte. Der HSV hat weder Geduld noch eine Idee, sondern nur eine verunsicherte Mannschaft zu bieten, die seit Jahren Halt sucht, den sie, wenn man ehrlich ist, schon in der vergangenen Rückrunde ab und an wieder verloren hatte. Bruno Labbadia – auch so einer Erlöserfigur (einmal hat er uns ja auch wirklich erlöst) hat leider auf all seinen Stationen bewiesen, dass er zwar schnellen Erfolg garantieren, aber kaum eine dauerhafte Spielidee entwickeln kann.

Die Liste mit Erlösungsmotiven ließe sich sicher noch fortsetzen. Aber wichtig ist mir das Muster: Wo harte Arbeit, Auseinandersetzung um den richtigen Weg, detailreiche Konzepte, Mut, Geduld, Zusammenhalt und Vertrauen gefragt wären, erlag der HSV – vor und nach der Ausgliederung - immer wieder der Versuchung, dass die guten Zeiten schon wiederkehren, wenn man nur den einen richtigen Knopf drückte. Der HSV wirkt durch diese Hoffnung getrieben und lässt sich treiben; gerade die Sehnsucht nach schneller Erlösung bedingte eine schlimme Konturlosigkeit macht ihn heute zur tragischen Witzfigur, für die viele nur noch Mitleid oder Häme empfinden.

Was kann daraus folgen? Es gibt keine Gründe mehr, Dietmar Beiersdorfer – selbst der Versuchung erlegen, uns als der bessere Sportchef von allem Unbill erlösen – noch eine Zukunft beim HSV zuzugestehen, in der er ohne Sportchef auskommt (dass er über 2018 hinaus im Amt bleiben kann, scheint ohnehin kaum noch vorstellbar). Veränderungen liegen in der Luft. Wieder lese ich Namen, die im Amt des Sportchefs schnelle – na, was wohl! – Erlösung versprechen. Für manche ist das Hrubesch, für andere Hoogma. Andere hoffen auf die große Lösung am Spielfeldrand, es bräuchte ja auch schon fast den Punkteschnitt, den Villas-Boas bei seinen bisherigen Stationen erreichte, um den HSV in der Liga zu halten.

Ich glaube aber, wenn nun wieder alles allein über Namen geregelt werden soll, wird es endgültig schiefgehen. Es muss, endlich, um Ideen und Konzepte gehen, die aus dem HSV selbst heraus wachsen und Halt bieten. Und sofern man einen Abstieg wirtschaftlich überhaupt verkraften kann, muss das notfalls auch in der 2. Bundesliga passieren, auf die man ja munter zusteuert. Neidvoll-anerkennend blicke ich auf den kommenden Ligagegner aus Köln und darauf, was dort entstanden ist. Und mit Blick Richtung Leipzig sieht man, dass Geld zwar hilft – besonders gut aber offenbar an Orten, an die es für eine Spielidee, für ein schlüssiges Konzept eingesetzt wird.
Es kann nicht mehr um schnelle Erlösung gehen, so nachvollziehbar der Wunsch danach ist. Es geht um Arbeit, wohl auch um das glückliche Händchen, nun ein, zwei (Gisdol ist ja schon da) richtige Köpfe zu finden.


Kommentare:

  1. Starker Blog, absolut lesenswert. Trifft genau den Punkt. Auch der Part zu Labbadia.

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  2. Kann man grundsätzlich so sehen.

    Was Labbadia (und seine Vorgänger!) angeht: Jetzt scheint(!) sich in seinem Fall der alte Vorwurf bewahrheitet zu haben, Labbadia könne eben keine Mannschaft "entwickeln" - mag sein, mag aber auch ein (Wahrnehmungs-)Irrtum sein. Bruno wollte wohl tatsächlich mindestens einen 6er/IV. Wohin er das Team geführt hätte, hätte man ihm nicht einen ungenügend ausbalancierten Kader zur Verfügung gestellt sondern offensichtliche Baustellen offen gelassen - wir wissen es eben nicht. Zudem gilt aus m.E. Erfahrung (daher schloss ich seine Vorgänger ein): Der Fisch stinkt immer am Kopf zuerst. Und der Kopf ist ein anderer. Trainer sind, obgleich unmittelbar für die sportlichen Resultate vordergründig unmittelbar verantwortlich, unter diesen Umständen "arme Säue" und dienen vorschnell als Sündenböcke, bzw. Ablenkung von Versagen anderer.

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    1. Trapper Seitenberg25. Oktober 2016 um 04:32

      Nachtrag: HW4 berichtete jüngst in einem Interview auf Spox, dass er 11 Trainer(!)und diverse Sportchefs erlebt habe. Praktisch alle halbe Jahr einen/mehrere neue Chefs mit jeweils eigenen Vorstellungen. Wer sich einmal vorstellt, was DAS mit einem Angestellten "macht", der darf sich über das inzwischen permanent ungenügende Gekicke des HSV wahrlich nicht mehr wundern.

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